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Alle streitenden Parteien des 17. Jahrhunderts beriefen sich auf dieselbe Heilige Schrift - und kamen doch zu einander widersprechenden Lehren. Drei Antworten standen im Raum: die Autorität der Kirche, das innere Zeugnis des Geistes und das Urteil der Vernunft.
Andreas Wissowatius zeigt, dass die ersten beiden ohne die dritte nicht auskommen. Wer sich auf die Kirche beruft, muss mit Vernunftgründen zeigen, welche Kirche die wahre sei. Wer sich auf den Geist beruft, muss unterscheiden können, welcher Geist aus Gott ist. In beiden Fällen urteilt am Ende doch die Vernunft - nur uneingestanden.
Daraus folgt der Satz, der der Schrift ihren Namen gab: Die Religion ist vernunftgemäß. Die Offenbarung kann über die Vernunft hinausgehen - sie kann mitteilen, worauf kein Mensch von sich aus gekommen wäre. Widersprechen aber kann sie ihr nicht, denn derselbe Gott, der sich offenbart, hat auch die Vernunft gegeben. Was gegen die Vernunft steht, kann darum nicht der Sinn eines Schriftwortes sein: Dann ist nicht die Vernunft zu verabschieden, sondern die Auslegung zu prüfen.
Die praktische Schärfe dieses Gedankens spricht Wissowatius schon im ersten Absatz aus: Wer sich einmal daran gewöhnt hat, gegen die Vernunft zu glauben, gewöhnt sich auch daran, gegen die Vernunft zu handeln - und die Verfolgung Andersdenkender ist die vorhersehbare Folge. Er wusste, wovon er schrieb: Seine Kirche, die Polnischen Brüder, wurde 1658 aus Polen verbannt; er verfasste diese Schrift als Vertriebener.
Deutsche Übersetzung nach dem lateinischen Originaldruck „Religio Rationalis, seu De Rationis Judicio, in Controversiis etiam Theologicis ac religiosis, adhibendo", mit erläuternden Fußnoten zu Personen, Werken und vorausgesetzten Begriffen sowie einem Begriffsglossar. Der Originaldruck läuft fast ohne Gliederung durch und kennt nur eine einzige Überschrift; alle weiteren wurden zur Lesbarkeit hinzugefügt.
Andreas Wissowatius (Andrzej Wiszowaty, 1608-1678) war ein Enkel Fausto Sozzinis und einer der bedeutendsten Theologen der Polnischen Brüder / Sozinianer. Nach der Verbannung der Antitrinitarier aus Polen lebte er im Exil, zuletzt in Amsterdam. Seine Religio Rationalis steht an einer Schwelle: Sie gehört noch ganz in die Welt der konfessionellen Streitschrift und formuliert doch bereits jenen Anspruch auf eigenständigen Vernunftgebrauch, der ein Jahrhundert später zum Kennzeichen der Aufklärung wurde.
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