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Die Plattform verspricht Freiheit. Sie liefert eine neue Form der Bindung. Das ist nicht ihr Versagen. Es ist ihre Logik.
Achtzig Jahre nachdem Horkheimer und Adorno in Pacific Palisades die Dialektik der Aufklärung beschrieben haben, lesen Sie diesen Satz auf einem Bildschirm, der seine Helligkeit Ihrer Tageszeit anpasst. Die instrumentelle Vernunft organisiert sich nicht mehr in der Maschinenhalle. Sie organisiert sich im Gerät in Ihrer Hosentasche. Die Kulturindustrie sendet keinen Sendeplan mehr. Sie rechnet eine Empfehlung, die für Sie allein berechnet ist. Was sich verändert hat, ist die Form. Was geblieben ist, ist die Bewegung. Die Vernunft, die Freiheit sein wollte, kehrt sich gegen sich selbst.
Tilo Marschner verfolgt diesen Vorgang Schritt für Schritt. Aus dem Versprechen der Sichtbarkeit wird der Zwang zur Selbstdarstellung. Aus dem Versprechen der Öffentlichkeit ein Archipel zerfallener Teil-Räume. Aus dem Versprechen der Wahl die algorithmisch vorgefilterte Auswahl. Aus dem eigenen Verhalten wird der Rohstoff, der die nächste Empfehlung trainiert. Aus der Wahl wird die Bindung ohne Alternative, weil der Ausstieg den Verlust beruflicher Sichtbarkeit und sozialer Teilhabe kostet.
Das Buch geht zwei Linien parallel. Die historische Linie führt von Kants Satz über den Ausgang aus selbstverschuldeter Unmündigkeit über Horkheimer und Adorno zu den Diagnostikern der Gegenwart. Han mit der Beobachtung, dass die Macht heute vorschlägt statt zu verbieten. Zuboff mit der Analyse des Surveillance Capitalism. Stiegler mit der These, dass Technik nicht mehr Mittel der Vernunft ist, sondern ihr Milieu. Habermas mit der Frage nach dem Strukturwandel der Öffentlichkeit. Die zweite Linie führt durch die Phänomene selbst. Die Form der Empfehlung. Die Pflicht zur Sichtbarkeit. Die Existenz als Inszenierung. Die Herrschaft ohne Herrscher.
Keine Maschinenstürmerei. Keine Restaurations-Romantik vom goldenen Analogzeitalter. Keine Kapitulation vor dem, was voranschreitet. Eine ruhige, säkular-aufklärerische Sortierung dessen, was die Aufklärung am Ende ihrer eigenen Vollendung mit sich anfängt. Für Leserinnen und Leser, die mit Heilsversprechen und Untergangsbildern nichts anfangen können. Für jene, die nach Kant fragen, ohne in den Kant-Kult zu verfallen.
Band 2 der Reihe Tilo Marschner: Gegenwartsdiagnosen. Nach Band 1 Algorithmus nimmt das Buch die Frage der digitalen Macht in ihrer politischen Form auf.
Wenn die formalen Freiheiten zustehen, die materiellen Voraussetzungen aber in feinen, beinahe unmerklichen Schritten verschwinden, hat das einen Namen. Er heißt nicht Diktatur. Er heißt Unfreiheit.
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