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Lieber anspruchsvoller Leser
Ein Dorf, weit weg von den Karten der Generäle.
Ein Haus am Fluss.
Eine Frau mit Mehl an den Händen.
Eine junge Schwangere, die nachts nicht schläft.
Und ein Soldat, der aus dem Krieg kommt - ohne Sieg, ohne Orden, nur mit einer Tasche und einer Lüge im Hals.
Er hätte eigentlich an die Front zurückkehren sollen. Zurück in nasse Gräben, in Listen und Befehle. Stattdessen tritt er über eine niedrige Schwelle in ein Haus, das ihm nicht gehört, und setzt sich an einen Tisch, an dem ein Stuhl dauerhaft leer bleiben wird. Dort, zwischen Brotgeruch und Radiostimmen, entscheidet er etwas, wozu es kein Formular gibt: Er bleibt.
Draußen brüllt der Krieg in Durchhalteparolen und Siegesmeldungen, drinnen wächst ein leiser, sturer Trotz. Die Mutter backt weiter Brot, der Vater gräbt weiter Erde, Lotte trägt unter ihrer Haut ein Leben, das von all dem nichts weiß. Zwischen der Erinnerung an einen Freund, der im Schlamm verschwunden ist, und dem rhythmischen Treten eines ungeborenen Kindes verschieben sich die Fragen: Wer ist hier eigentlich mutig? Der, der geht? Oder der, der nicht mehr schießen will?
Diese Geschichte erzählt nichts von Schlachten, die gewonnen wurden, und Fahnen, die gehisst wurden. Sie erzählt von Nächten, in denen eine Frau im Dunkeln liegt und nur so tut, als würde sie schlafen, damit niemand ihr Denken hört. Von einem Mann, der zum ersten Mal ausspricht, dass er vielleicht nie zurückkommt - und sich doch zu einer Küche, einem Hof, einem Holzbett bekennt. Von einem Kind, das noch keinen Namen hat und doch schon der Mittelpunkt von allem geworden ist.
„Der Fötus" ist kein Roman über Heldenmut, sondern über das stille, radikale Nein eines Körpers, der den Befehl zum Sterben nicht mehr befolgen will. Über deutsche Nachkriegsstille, die nicht durch große Reden, sondern durch die Geräusche eines Flusses, einer alten Schaukel und eines Backofens erzählt wird.
Dies ist die Geschichte eines Hauses, das weiteratmet, obwohl die Welt brennt - und eines ungeborenen Lebens, das den Erwachsenen im Dorf eine Frage stellt, auf die es keinen einfachen Satz gibt: Wie viel Zukunft trauen wir uns noch zu, wenn wir wissen, wozu wir fähig waren?
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